Bausoldatentreffen 2019

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Politik im Eichsfeld
Kategorie: Politik im Eichsfeld
Familienname B.
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Bausoldatentreffen 2019

Ungelesener Beitrag von Familienname B. » Samstag 26. Oktober 2019, 22:33

Bekenne, das ich zu FEIGE war, den Wehrdienst total zu verweigern!
Da blieb mir, wie einigen wenigen anderen auch (man schätzt auf ca.1% aller Wehrpflichtigen in der größten DDR der Welt)
-
nur ein fauler Kompromiß, der Dienst als Bausoldat.
Wir sind zwar Tage vor den regulären Truppen eingezogen wurden (man wollte nur ja keine Kontaktaufnahme VOR der in der NVA üblichen Vereidigung) - gehörten aber als Truppenteil der NVA an. Wir wurden übrigens nicht vereidigt und entlassen. Nicht in die Reserve.
Hier ein kurzer Bericht vom diesjährigen Treffen:

https://www.rbwonline.de/wittenberg.php ... XYwykt-BvE

Da war auch ein junger, engagierter, dynamischer und offener Historiker aus dem Eichsfeld dabei. > Solche jungen Menschen braucht unser Vaterland! :!:

Am Samstagabend kam ein Sänger, den ich eigentlich nur unter Wikipedia kannte. Nie ein Lied von ihm gehört...
Dachte mir so - nun ja, wenn´s son rot-grün versifter Gutmensch ist - denn stehste auf und gehts... VON WEGEN! !!
Der Mann fing an zu reden. "Wir haben alle einen großen Schatz. Der ist riesig und ihn gilt es zu bewahren. Unser Sprachschatz!"
Da war ich erstmal baff. Nanu?
Dann las der Künstler aus seinem Buch. Knapp 2 Seiten. Ich hoffe stark das ich jetzt keine Urheberrechte oder dergleichen verletze - es kann ja auch als WERBUNG gelten - in dem ich jetze mal kurz zitiere:
(gleich anfangs geht es um seine Armezeit) Er war Kandidat der Bardeih, hatte Ausgang und ca. 6 Bier intus, mußte aber zur Parteiversammlung um 18.00 Uhr.

"Warum kommst´n schon wieder rein?" fragte der Kontroll-und- Durchlaß- Posten 17.55 Uhr.
"Parteiversammlung", sagte ich und verdrehte die Augen. Er ließ seine rechte Faust sehen, deren Daumen zwischen den Zeige - und Mittelfinger hindurchgeschoben war. Die Genossen drehten sich zu mir um, denn ich saß in der hintersten Reihe. Mein Vater hätte gesagt: Schütze Arsch im letzten Glied! Ich sagte: " Wir, Genossen, müssen Vorbild sein", und so weiter. Plötzlich fingen die Genossen zu nicken an, der eine schneller, der andere langsamer. Sie nickten, solange ich sprach. So mancher der Genossen mag am nächsten Morgen Muskelkater gehabt haben. Sie nickten noch, als ich zum Präsidium ging und meinen Ausgangschein vom Stabschef für einige Umdrehungen verlängern lassen wollte. "Du, Herrman, mach doch mal deinen Wilhelm drunter."
Obwohl wir als Genossen per Du waren, hätte ich für diese Vertrautheit aus der Kaiser-Wilhelm- Ära mindestens Major sein müssen. Der Kontroll- und -Durchlaß- Posten las den Schein und führte mich ab, in die Ausnüchterungszelle, die ganz gemein nach alter Kotze stank. Der Stabschef war ein Witzbold: Auf dem Schein stand WILHELM. Als kleiner Soldat zog man eben den Kürzeren.
....

Dem Stab wurde ein Kiste mit Schutzanzügen gegen die Atombombe geliefert: für den Fall der Fälle. Frau Büring, die Raumpflegerin, sah die Genossen bei der Anprobe zu und war plötzlich der einzige erkennbare Mensch.
Dumpf rief es aus dem Anzug des Stabschefs:"Jetzt kann die Atombombe kommen!"
Alle Genossen waren darauf eingerichtet, Frau Büring, parteilos, nicht. Sie bekam es mit der Angst zu tun und fühlte sich minderwertig... was sollte sie denn tun wenn die Atombombe kommt?
Der Stabschef antwortete überlegen: "Na, Frau Bühring, da gehn sie auf den schnellsten Weg nach Hause."
...

(Frau Bürings Tochter hatte aber einen Freund aus der BRD)
...

"Dann brechen sie die Beziehung zu ihrer Tochter ab!"
"Aber die wohnt doch bei mir."
Fast weinte sie über die Herzlosigkeit des Stabschefs." Außerdem ist der Mann nett und freundlich."
Ein Stabschef ließ sich vom Feind nicht täuschen. "Frau Büring, heute ist es nett und freundlich, und morgen schmeißt er Atombomben! Außerden gibt es in der DDR genug nette freundliche Männer."

Selten-
besser nie zuvor
habe ich so ein kleines Buch (193 Seiten) gelesen, das dermaßen mit tiefen Humor geschrieben, trotzdem das reale DDR Leben in all seinen Facetten offen und sehr ehrlich darstellt. Der Mann ist später immerhin mit ü 80 Stasimitarbeiten überwacht und RICHTIG beschattet wurden.
Mein Fazit:>> Lesenswert!

Stephan Krawczyk : Der Narr
Roman
stephan-krawczyk.de


Wir sitzen alle in gleichen Boot,
wenn auch auf verschiedenen Decks.

Familienname B.
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Re: Bausoldatentreffen 2019

Ungelesener Beitrag von Familienname B. » Dienstag 29. Oktober 2019, 01:53

Kleiner Nachtrag
Um eventuelle Enttäuschungen zu vermeiden, möchte ich darauf hinweisen das dies kein lustiges Buch ist. Es ist packend und dem DDR - Alltag entsprechend real dargestellt. Mit Autoreparaturen, DDR Zöllnern (genauso selbst erlebt!), Schiebern, Bonzen und Promis. Der Abschnitt des Gefängnisses ist wirklich hart, sehr hart. Man kann sich aber immer wirklich gut in die Lage des Schreibers versetzen, da sehr offen, selbstkritisch und sehr ehrlich geschrieben.
Der Künstler sprach bei seinem echt gelungenen, ansprechenden kleinen Konzert vor uns BS von einem sehr guten Bekannten aus Leinefelde im Eichsfeld. Hier mehr zu dem Mann:
https://www.youtube.com/watch?v=-efOXZ-kA3Y

> Also direkt im Herzen unseres Eichsfeldes!
>> Tiefen RESPEKT vor dem standhaften Eichsfelder ! !!

Ansonsten wäre mir wichtig zu sagen, das die allumfassende Kirche im Eichsfeld in der Regel wenig bis garnichts für werdende Bausoldaten übrighatte. Mein Ortspfarrer sagte mir: "Gebt den Kaiser was des Kaiser´s ist!"
Weiterführend:
https://www.buecher.de/shop/katholische ... /54524903/
Bei den evangelischen war´s halt anders. Väter - besonders in Sachsen, die als Soldaten sicher nicht freiwillig in den Krieg zogen, wollten in der späteren DDR vehemend vermeiden das ihre Söhne zum Wehrdienst eingezogen werden sollten. Sie wandten sich an ihre Pastoren und deren Vorgesetzte. Daraufhin wurde später sogar eine innerkirchliche Handreichung zum Thema Wehrdienst erarbeitet und vorher in Regierungskreisen Druck ausgeübt. Dadurch und NUR DADURCH kam zum "Bausoldatengesetz". (07.09.1964)
Ich selbst hab die komplette Ausgangssperre für alle Bausoldatenkompanien erlebt. Warum wußte erstmal niemand...
einen Tag danach schon...
25 Jahre "Gesetz über die Aufstellung von Bausoldaten".
Hatten die Kommunisten wirklich Angst das wir im Ausgang kleine Plakate oder ähnliches enthüllen?

Mental lief bei der Bekanntmachung meines Dienstes als BS nicht alles so wunderbar und glatt im ach so gläubigen Eichsfeld. Unterstützung? :?: & :?:
Ganz einzelne Ausnahmen und diese Menschen hab ich mir sehr gut gemerkt.
Nein - anfeindungen und / oder lächerlichmachen
im damaligen Arbeitskollektiv, bei Bekannten & sogenannten Freunden. Letzteres (/oder) sogar bis heute. Schade halt nur, das diese lieben Mitmenschen damals halt nicht die Courage hatten oder wollten haben um mal ein Zeichen zu setzen das es auch möglich ist einen anderen Weg zu gehen.
>>>>Wer es wissen wollte der wußte es!<<<<

Es war ganz sicher kein einfacher Weg, doch dieser hat mich grundhaft geprägt. Bis heute.

>> Wie immer bitte ich auch hier um Meinungen und viele Fragen.

Schmiedet Schwerter zu Zapfhähnen!

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